Medialer Aktivist. Rosa von Praunheim wird 80

epd Es ist kaum zu glauben, doch am 25. November feiert Rosa von Praunheim seinen 80. Geburtstag. Zum produktivsten Schwulenfilmer der Welt wurde er dank einer effektiven Medienstrategie: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ - in diesem programmatischen Dokumentarfilm, der den damals 29-Jährigen berühmt machte, fällt über 70 Mal das Wort „schwul“. Das homophobe Schimpfwort wurde so zur positiven Selbstbezeichnung umgewertet.

Eine Ausstrahlung im Ersten lehnte die ARD-Programmkonferenz seinerzeit zunächst ab mit der Begründung, der Film „sei geeignet, zur Zeit noch bestehende Vorurteile gegen Homosexuelle zu bestätigen oder zu verstärken“. Das dritte Programm des WDR sendete den Film im Januar 1972. 95 Prozent der Anrufer im Studio waren empört. Ein Jahr nach der Erstausstrahlung sendete der WDR eine Publikumsdiskussion unter der Leitung von Moderator Reinhard Münchenhagen. Sie trug dazu bei, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen.

Die mediale Programmatik klingt bereits im Künstlernamen des Filmemachers an: Rosa ist eine Verbeugung vor dem „rosa Winkel“, den Homosexuelle im Konzentrationslager tragen mussten. Von Praunheims auf Medienwirkung abzielende Strategie, das Heimliche ins Rampenlicht zu rücken, stieß allerdings nicht immer auf Gegenliebe. 1991 outete er Hape Kerkeling und Alfred Biolek, zwei der beliebtesten deutschen Fernsehprominenten, als homosexuell. Biolek empfand das als Erleichterung. Kerkeling sprach davon, dass sensiblere Naturen als er wohl „mit den Föhn in die Badewanne“ gegangen wären.

Rückblickend nutzten solche medialen Aktionen der schwulen Bewegung. Die filmischen Mittel des 1942 im deutsch besetzten Riga geborenen Regisseurs wirkten oft dilettantisch, seine Botschaften blieben aber authentisch. „Die Bettwurst“, sein 1970 mit Laiendarstellern und fast ohne Budget realisiertes Debüt, mauserte sich zum Kult. In Studentenkinos, die den Film traditionell einmal im Jahr zeigen, spricht das Publikum prägnante Dialoge lautstark mit.

So avancierte von Praunheim vom Avantgarderegisseur zum Vorreiter der deutschen Schwulen- und Lesbenbewegung. Mit „Ein Virus kennt keine Moral“, einem der weltweit ersten Filme über das HI-Virus, polemisierte er 1986 gegen den durch Aids wieder aufflammenden Schwulenhass in der Gesellschaft. „Überleben in New York“ von 1989, ein liebevolles Porträt über drei deutsche Migrantinnen in der US-Metropole, zählt zu den erfolgreichsten Dokumentarfilmen im deutschen Kino. Mit „Transsexual Menace“ realisierte er 1996 den ersten deutschen Film über transidente Menschen.

Als Lehrer und Mentor von Axel Ranisch, Tom Tykwer und Julia von Heinz, seinen „Roas-Kindern“, prägte von Praunheim auch das Filmschaffen der nächsten Generation. Aus dem Underground-Filmer ist ein international renommierter Botschafter für Schwule und Lesben geworden. Gesellschaftliche Akzeptanz queerer Menschen in Deutschland ist ohne die Strahlkraft seiner Medienarbeit kaum vorstellbar. Für sein unermüdliches Engagement, das etwa 150 Kurz- und Langfilme umfasst, wurde von Praunheim 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Leben und Arbeit, Alltag und Ästhetik sind für den Chronisten marginalisierter Minderheiten zu einem Gesamtkunstwerk geworden. Medienauftritte nutzt der Paradiesvogel gerne um seine Marke zu pflegen. In der Fernsehdokumentation „Glückskind“, die Arte anlässlich seines 80. Geburtstages sendet, streckt er sich auf dem Grab, das er sich auf dem Berliner Friedhof ausgesucht hat, schon mal zum Probeliegen aus. Fürs Sterben habe er aber vorerst keine Zeit: „Ich kann es mir nicht leisten zu sterben. Ich muss noch arbeiten, um zu überleben.“

Aus epd medien 47/22 vom 25. November 2022

Manfred Riepe