In der "Streunerküche" sollen Obdachlose selbst kochen können
Hamburg (epd).

Ein nagelneuer Ofen, vier große Kochplatten, Kühlschränke und eine Sammlung riesiger Töpfe - all das steht im Kulturhaus Schrødingers im Hamburger Schanzenpark bereit für den Einsatz in der „Streunerküche“. Eine professionelle Open-Air-Küche soll für Obdachlose regelmäßig zur Verfügung stehen, damit sie selbst frische Lebensmittel zubereiten und mitnehmen können. Doch das engagierte Team des Schrødingers hat Schwierigkeiten, die Zielgruppe dort hinzulocken. Also wird erstmal mit dem Lastenrad ausgeliefert - direkt an die „Platte“.

Mit 25 Portionen heißer Tomaten-Möhrensuppe im Thermobehälter, Brötchen und Pappschüsseln startet Philip Patschan am Montagmittag zu seiner Tour. Zum fünften Mal liefert er frisches Essen im Schanzenviertel, Eimsbüttel und auf St. Pauli aus. „Das Schrødingers betreibt schon seit längerem eine Lebensmittelausgabe für Bedürftige. Für Obdachlose sind einige der Produkte aber nicht geeignet, weil man einen Herd für die Zubereitung benötigt - also haben wir überlegt, dass wir ihnen eine Küche bei uns zur Verfügung stellen“, erklärt der 49-Jährige den Ursprung der Idee.

Im Eingangsbereich vom S-Bahnhof Sternschanze sitzen vier Männer auf Pappen, sie schnorren und trinken Bier. Patschans Angebot nehmen sie dankend an. „Heiße Suppe, toll - ich kann kein kaltes Essen mehr sehen“, sagt Stefan, Anfang 30. Seine Finger sind steif vor Kälte, an den Knöcheln und im Gesicht hat er vernarbte Wunden. Er habe so seine Probleme und sei Alkoholiker, sagt er. Als Philip erzählt, dass jeden Montag ab 10 Uhr die „Streunerküche“ offen für Jedermann sei, antwortet er begeistert: „Cool, ich komme! Ich bin schließlich gelernter Koch.“

Die versorgten Menschen reagierten häufig begeistert, so Patschan. „Aber dann kommen sie letztendlich doch nicht.“ Eine Woche ist eine lange Zeit, wenn man auf der Straße lebt. Ein Zeitgefühl fehlt oft. Es habe seine Gründe, dass diese Menschen bei so einem Mistwetter auf der Straße leben, sagt Philip, studierter Illustrator, ehemaliger Clubbesitzer und seit Corona auch in der Altenpflege beschäftigt. „Sie haben teilweise Schwierigkeiten damit, sich in Routinen und Abläufe einzufügen.“ Und es könne sein, dass sie am kommenden Montag um 10 Uhr gerade ein viel dringenderes Problem haben - „oder es schlichtweg nicht mehr auf dem Zettel haben.“ Flyer sollen dabei helfen, die Menschen an das Angebot zu erinnern.

Patschan radelt kreuz und quer durch die angesagten Innenstadtviertel. Er hat bereits den nötigen Blick dafür, unauffällige Camps unter Brücken und in Eingängen von Gewerbegebäuden zu entdecken. In einem Park bläht der scharfe Wind ein zerrissenes Zelt auf, daneben liegen Tüten. „Ist das Müll oder eine Platte?“, murmelt er und fährt nach kurzem Check weiter. Einige dauerhafte Camps kennt er schon und steuert sie gezielt an. Auf den Stufen der Roten Flora hat sich ein Mann bis über den Scheitel in eine Decke gehüllt. Passanten gehen an ihm vorbei, Patschan spricht ihn an und reicht ihm eine Suppe.

Ermöglicht wird das Projekt durch eine Spende der Aktion Mensch in Höhe von 50.000 Euro. Die Hamburger Tafel, ein Fischhändler, Bäckereien und der Schul-Caterer „Mammas Canteen“ spenden regelmäßig Lebensmittel, so dass Patschan Gerichte wie Kartoffel-Lauch-Suppe und Fischfilet mit Bratkartoffeln zubereiten konnte. Neben ihm, der gezielt für das Projekt angestellt ist, arbeiten weitere Kolleginnen aus dem Schrødingers daran, die „Streunerküche“ zu einer wöchentlichen Institution zu machen, die gern genutzt wird - auch von denen, die es dringend gebrauchen können.

Wenn es nötig ist, wird das Team erstmal weiter selbst kochen und das Essen ausliefern und dabei Werbung für die „Streunerküche“ machen. Das Schrødingers geht davon aus, dass sich das Projekt irgendwann herumsprechen wird. Die Finanzierung steht vorerst bis zum Jahresende. Und dann werde geschaut, ob eine Verlängerung durch Aktion Mensch möglich ist.

Julia Reiß (epd)